Im Jahr 2010 erhielt Judith Schalanskys im Vorjahr veröffentlichter Atlas der abgelegenen Inseln den 1. Preis der Stiftung Buchkunst im Wettbewerb Die Schönsten Deutschen Bücher. Dieser jährlich vergebene Preis würdigt Bücher, die vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung sind – ein Anspruch, den die kartographische Atlasproduktion seit jeher an ihre Produkte richtet, sowohl für Print- als auch für Online-Atlanten.
Dabei sind im kartographischen Verständnishorizont traditionelle Atlasparadigmen weiterhin vorherrschend, wie sie sich in vielfach zitierten Definitionen und Beschreibungen des Atlasbegriffs widerspiegeln. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Atlanten, die nicht in diese Schemata passen, im kartographischen Sinn keine Atlanten sind – oder ob vielmehr eine theoretische Weiterentwicklung und Modernisierung des Atlasbegriffs sowie der ihm zugrunde liegenden Systematik notwendig erscheint. Im Zentrum steht dabei weniger eine taxonomische Grenzziehung als vielmehr die Frage, was diese neuen Atlasformen über den gegenwärtigen Status kartographischen Wissens, visueller Autorität und epistemischer Ordnung aussagen.
Der Vortrag nähert sich dieser Fragestellung aus einer kritisch-kartographischen Perspektive und kombiniert die Analyse ausgewählter populärer Atlaspublikationen seit etwa 2010 mit begriffsgeschichtlichen und medientheoretischen Überlegungen. Anhand von Beispielen wie dem Atlas der Zukunft (100 Karten, um die nächsten 100 Jahre zu überleben), dem Atlas der Länder, die es nicht gibt (Ein Kompendium über fünfzig nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten) oder dem Atlas – Welten des Jenseits (Von Totenreichen, Paradiesen und überirdischem Leben) werden fünf Thesen formuliert, die eine kartographisch motivierte Einordnung dieser sogenannten „neuen Atlanten“ ermöglichen sollen:
Neue Atlanten versprechen Erkenntnis, liefern aber häufig Orientierung statt überprüfbaren Wissens.
Der Atlas fungiert heute weniger als Wissensspeicher denn als
Kartographische Autorität wird zunehmend durch Gestaltung und narrative Rahmung ersetzt.
Die Form „Atlas“ erlebt ein Comeback – nicht wegen, sondern trotz der Kartographie als wissenschaftlicher Disziplin.
Kritische Kartographie muss sich heute verstärkt mit Fragen der Medienökonomie auseinandersetzen.
Diese bewusst in beide Richtungen kritisch adressierten Thesen verweisen auf veränderte Medienformate, Aspekte von Visual Culture, Verschiebungen in Autoren- und Herausgeberschaft sowie auf wissenspolitische Implikationen kartographischer Darstellungsformen. Ihre analytische Operationalisierung soll dazu beitragen, Unterschiede zwischen klassischen und neuen Atlasformen sichtbar zu machen und zugleich Potenziale für eine reflektierte Integration unterschiedlicher Atlas- und Wissenskonzepte offenzulegen. Der Vortrag versteht sich damit als Beitrag zu einer zeitdiagnostischen Diskussion über den Atlas als kulturell revitalisierte, zugleich aber theoretisch herausgeforderte Wissensform.