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Dresden 2026

Digitale Kartenanwendungen als Untersuchungsmethode (Burns 2021) sollen in erster Linie die Bildung kritischer Hypothesen durch dynamische (zeitliche) Suchvorgänge unterstützen und nicht durch die Bereitstellung von Fakten. Eine solche zu präsentierende Kartenanwendung zur Exploration frühneuzeitlicher Herrschaftsrechte ist im Rahmen des interdisziplinären Projekts „Digitale Kartenwerkstatt Altes Reich“ (DigiKAR) entstanden. Das Projekt hat historische Forschung, Informationswissenschaft und Kartographie miteinander verbunden, um traditionelle Vorstellungen von räumlichen Darstellungen zu hinterfragen und Konzepte zur Erfassung, Modellierung und Visualisierung komplexer historischer Daten zu entwickeln (Gambashidze et al., 2023; Gambashidze & Moser, 2022; Gambashidze et al. 2024).

Das Heilige Römische Reich in der Frühen Neuzeit wird oft als heterogener Raum mit einer Vielzahl von Herrschaftsrechten angesehen. Zeitgenössische und heutige Karten vermitteln eine territoriale Illusion dieser Epoche, indem sie stark fragmentierte Gebiete mit kontrastierenden Farben und klar definierten Grenzen darstellen (Gambashidze & Moser, 2023). Dieser konventionelle kartographische Ansatz erfasst jedoch die Überlagerungen verschiedener historischer Dimensionen, Zugehörigkeiten und komplexer historischer Räume insgesamt nur unzureichend (Scholz 2025).

Für die digitale Kartenanwendung lag daher neben Aspekten der Mobilität verschiedener sozialer Gruppen aus dem Kurfürstentum Mainz ein besonderer Fokus auf einer punktbasierten und explorativen Visualisierung sich überlappender Herrschaftsrechte im Kurfürstentum Sachsen. Die Anwendung testet Möglichkeiten der Visualisierung und zielt auf eine Nutzung in historischer Forschung und Lehre.

Innovative und nutzungszentrierte Entwicklungen sind sowohl die interaktive und komplexe Darstellung mehrerer Herrschaftsrechte an einem Ort wie auch die Möglichkeit einer asymmetrischen Zeitabfrage. Letztere ermöglicht es, einen Fokuspunkt und einen beliebig vagen Zeitrahmen links und rechts davon festzulegen. Damit kann die Unvollständigkeit der Datensätze an bestimmten Punkten überbrückt werden, um zu bestimmten Zeiten überhaupt eine räumliche Visualisierung zu ermöglichen. Da es sich hierbei um Praktiken der (dynamischen) Kartierung handelt, müssen die Nutzenden ihre Erkenntnisse aus dem “Spiel” mit den visualisierten Daten entsprechend reflektieren (Kremer/Walker 2022).

Literatur
Barget, M. (2022, June). Visualizations of Historical Spatial Data as Tools of Exploration and Education. In International Conference on Human-Computer Interaction (pp. 3-19). Cham: Springer Nature Switzerland.
Burns, R. (2021). Transgressions: Reflecting on critical GIS and digital geographies. Digital Geography and Society, 2, 100011.
Gambashidze, M., Moser, J., Hanewinkel, C., & Listabarth, J. (2024). Mapping rights done right?–An interactive web tool with user at its heart. Abstracts of the ICA, 7, 43.
Gambashidze, M., Moser, J., & Listabarth, J. (2023). U-turn in map making to overcome shortcomings of territorial visualisations. In Coetzee, S. (ed.): Abstracts of the ICA. 31st International Cartographic Conference (ICC 2023), 6, 1–2.
Gambashidze, M., & Moser, J. (2023). Evaluating spatial visualisations for DigiKAR: Working Paper. Berlin: KartDok – Repositorium Kartographie.
Gambashidze, M., & Moser, J. (2022). Mapping complex history on the web: is a point-based approach a better way? Abstracts of the ICA, 5, 30.
Kremer, D., & Walker, B. (2022). Geodaten quantitativ, aber kritisch analysieren: die Methode der explorativen räumlichen Datenanalyse am Beispiel von COVID-19 in Brasilien. Handbuch Kritisches Kartieren, 307-324.
Scholz, L. (2025). Visualizing Shared Dominion in the Holy Roman Empire: Dilution, Orientation, Oscillation. In: Wigen, K., Territorial imaginaries. Beyond the Sovereign Map. University of Chicago Press, S.